Liquidität verstehen – Bedeutung, Kennzahlen und Wirkung auf Bonität und Rating
Liquidität gehört zu den zentralen Beurteilungsgrößen in der wirtschaftlichen Analyse eines Unternehmens. Während Gewinn und Eigenkapital häufig im Mittelpunkt stehen, entscheidet in der Praxis oft eine andere Frage über Stabilität und Bonität: Kann das Unternehmen seine fälligen Zahlungsverpflichtungen jederzeit erfüllen?
Bonität wird nicht allein an der Ertragskraft gemessen, sondern maßgeblich an der Zahlungsfähigkeit. Ein Unternehmen kann profitabel sein und dennoch in Liquiditätsprobleme geraten. Umgekehrt kann ein Unternehmen mit moderater Gewinnsituation über eine stabile Liquiditätsstruktur verfügen und deshalb als solide eingestuft werden.
Für Banken, Auskunfteien, Kreditversicherer und Geschäftspartner ist Liquidität daher ein zentraler Risikofaktor. Sie signalisiert, ob Verpflichtungen zuverlässig bedient werden können und ob kurzfristige Belastungen abgefedert werden können.
Dieser Beitrag erläutert:
- was unter Liquidität zu verstehen ist
- wie sie sich vom Gewinn unterscheidet
- welche Kennzahlen relevant sind
- welche Rolle der Cashflow spielt
- wie Liquidität im Rating bewertet wird
- welche typischen Fehlinterpretationen auftreten
- und wie Unternehmen ihre Liquidität strategisch steuern sollten
Was bedeutet Liquidität?
Liquidität beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, seine fälligen Zahlungsverpflichtungen jederzeit erfüllen zu können. Gemeint ist die tatsächliche Zahlungsfähigkeit, nicht die rechnerische Vermögenslage.
Ein Unternehmen ist liquide, wenn ausreichend Zahlungsmittel oder kurzfristig realisierbare Mittel vorhanden sind, um Rechnungen, Kredite, Gehälter und Steuern fristgerecht zu begleichen.
Liquidität ist damit eine Momentaufnahme der Zahlungsfähigkeit und kein Erfolgsmaßstab.
Unterschied zwischen Gewinn und Liquidität
In der Praxis werden Gewinn und Liquidität häufig gleichgesetzt. Das ist fachlich nicht korrekt.
Gewinn entsteht nach handelsrechtlichen oder steuerlichen Regeln durch Erträge minus Aufwendungen. Liquidität entsteht durch Einzahlungen minus Auszahlungen.
Ein Unternehmen kann:
- Gewinn ausweisen, aber über zu wenig liquide Mittel verfügen
- keinen Gewinn ausweisen, aber zahlungsfähig sein
Typische Ursachen für Unterschiede:
- Hohe Forderungsbestände erhöhen den Gewinn, bringen aber noch kein Geld
- Große Investitionen mindern Liquidität, ohne den Gewinn sofort zu beeinflussen
- Abschreibungen reduzieren den Gewinn, aber nicht die Liquidität
Deshalb analysieren Banken neben der Ertragslage immer auch die Zahlungsströme. Auch Einmaleffekte können das ausgewiesene Ergebnis verzerren, ohne die nachhaltige Zahlungsfähigkeit realistisch abzubilden. Wie solche Effekte im Bewertungsprozess eingeordnet werden, erläutern wir im Beitrag „Einmaleffekte richtig einordnen – warum sie Bonität und Rating verzerren können“.
Die drei Liquiditätsgrade
Zur Beurteilung der kurzfristigen Zahlungsfähigkeit werden drei Liquiditätsgrade unterschieden.
Liquidität 1. Grades (Barliquidität)
Formel:
Liquide Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Liquide Mittel umfassen Kassenbestand, Bankguthaben und sofort verfügbare Zahlungsmittel.
Diese Kennzahl zeigt, ob kurzfristige Verpflichtungen unmittelbar gedeckt sind.
Liquidität 2. Grades (Einzugsliquidität)
Formel:
(Liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Hier werden zusätzlich Forderungen berücksichtigt, die zeitnah zu Geld werden.
Liquidität 3. Grades (Gesamtliquidität)
Formel:
Umlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100
Diese Kennzahl bezieht auch Vorräte ein.
Typische Orientierungswerte sind:
- Liquidität 1. Grades: 10 bis 30 Prozent
- Liquidität 2. Grades: mindestens 100 Prozent
- Liquidität 3. Grades: 120 bis 150 Prozent
Diese Werte sind branchenabhängig und immer im Kontext zu betrachten. Für die Bonitätsbewertung ist zudem nicht der einzelne Stichtag entscheidend, sondern die Entwicklung über mehrere Jahre. Warum die Vergleichbarkeit der Zahlen für Bonität und Rating so wichtig ist, lesen Sie im Beitrag „Vergleichbarkeit der Zahlen über mehrere Jahre herstellen – warum sie für Bonität und Rating entscheidend ist“.
Cashflow als zentrale Liquiditätskennzahl
Während Liquiditätsgrade eine Stichtagsbetrachtung darstellen, beschreibt der Cashflow die laufende Zahlungsfähigkeit.
Der operative Cashflow zeigt, wie viel Zahlungsmittel aus dem Kerngeschäft generiert werden.
Ein positiver operativer Cashflow bedeutet, dass das Unternehmen aus eigener Kraft liquide Mittel erwirtschaftet.
Für Bonität und Rating ist das von zentraler Bedeutung. Ein Unternehmen mit stabilem, positivem Cashflow gilt als belastbar, selbst wenn einzelne Jahre schwächere Gewinne ausweisen. Eine solide Eigenkapitalquote ist wichtig für Stabilität und Krisenresistenz. Ob ein Unternehmen jedoch seine Kredite tatsächlich dauerhaft bedienen kann, hängt zusätzlich von der Kapitaldienstfähigkeit ab.
Working Capital als Steuerungsgröße
Working Capital beschreibt die Differenz zwischen Umlaufvermögen und kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Working Capital = Umlaufvermögen – kurzfristige Verbindlichkeiten
Ein positives Working Capital signalisiert kurzfristige Stabilität. Dabei spielen auch Rückstellungen eine wichtige Rolle, da sie die kurzfristigen Verpflichtungen und damit die Liquiditätskennzahlen beeinflussen. Wie Rückstellungen im Rating eingeordnet werden, erläutern wir im Beitrag „Rückstellungen richtig einordnen – warum sie Bonität und Rating maßgeblich beeinflussen“. Allerdings können steigende Forderungen oder hohe Lagerbestände Liquidität binden und das Working Capital belasten.
Gerade bei wachstumsstarken Unternehmen ist Working Capital ein entscheidender Faktor für die Liquiditätsentwicklung.
Liquidität im Bonitäts- und Ratingprozess
Auskunfteien und Banken analysieren Liquidität auf mehreren Ebenen:
- Zahlungsweise und Zahlungserfahrungen
- Entwicklung von Verbindlichkeiten
- Cashflow-Analyse
- Kapitaldienstfähigkeit
- Verhältnis von kurzfristigen Mitteln zu Verpflichtungen
Eine gute Liquiditätslage wirkt stabilisierend auf das Rating. Dauerhafte Zahlungsschwierigkeiten oder wiederkehrende Engpässe wirken hingegen belastend, selbst bei positiver Ertragslage.
Typische Fehlinterpretationen
Fehlinterpretation 1: Gewinn bedeutet automatisch Liquidität
Forderungsaufbau oder Investitionen können Liquidität binden.
Fehlinterpretation 2: Eine hohe Kreditlinie bedeutet Sicherheit
Kreditlinien erhöhen Spielraum, sind aber keine eigene Substanz.
Fehlinterpretation 3: Einmalige Liquiditätsspritzen lösen strukturelle Probleme
Kurzfristige Einlagen verbessern die Situation temporär, ersetzen aber keine nachhaltige Cashflow-Stärke.
Fehlinterpretation 4: Liquiditätsprobleme sind nur kurzfristig relevant
Dauerhafte Engpässe wirken sich negativ auf Zahlungsdisziplin und Bonitätswahrnehmung aus.
Strategische Liquiditätssteuerung
Professionelle Liquiditätssteuerung umfasst:
- Aktives Forderungsmanagement
- Realistische Zahlungsziele
- Steuerung von Lagerbeständen
- Investitionsplanung
- Aufbau von Liquiditätspuffern
- Szenariorechnungen
Unternehmen, die Liquidität vorausschauend planen, erhöhen ihre Krisenresistenz erheblich.
Wann wird Liquidität kritisch?
Warnsignale sind:
- wiederkehrende Kontoüberziehungen
- verspätete Lieferantenzahlungen
- steigende kurzfristige Verbindlichkeiten
- negativer operativer Cashflow über mehrere Perioden
- stark wachsendes Working Capital ohne entsprechende Erträge
Solche Entwicklungen sollten frühzeitig analysiert werden, bevor sie im Rating sichtbar werden.
Fazit
Liquidität ist der unmittelbarste Stabilitätsindikator eines Unternehmens. Während Eigenkapital Substanz darstellt und Gewinn Ertragskraft signalisiert, entscheidet Liquidität über die tatsächliche Handlungsfähigkeit im Alltag.
Bonität wird nicht allein an der Bilanz gemessen, sondern an der Fähigkeit, Verpflichtungen zuverlässig zu erfüllen. Deshalb analysieren Banken und Auskunfteien Liquidität mit besonderer Aufmerksamkeit. Warum die strukturierte Aufbereitung solcher Zahlungs- und Ergebnisgrößen für Bonität und Rating entscheidend ist, erläutern wir im Beitrag „Unternehmenszahlen richtig aufbereiten – warum Struktur wichtiger ist als das Ergebnis“.
Ein stabiles Unternehmen zeichnet sich aus durch:
- positiven operativen Cashflow
- ausreichende Liquiditätspuffer
- kontrolliertes Working Capital
- konsistente Zahlungsdisziplin
Liquidität ist damit keine Nebenkennzahl, sondern eine zentrale Steuerungsgröße. Wer sie aktiv managt, stärkt nicht nur seine Zahlungsfähigkeit, sondern auch sein Ratingprofil und seine Verhandlungsposition gegenüber Banken und Geschäftspartnern.
